Die Freie Scholle – Neue Wohn- und Baukultur in Bielefeld

Bild vom Richtfest Die „Freie Scholle“ ist die größte Wohnungsbaugenossenschaft im ostwestfälischen Bielefeld und blickt mittlerweile auf eine über 100-jährige Geschichte zurück.

Da die bürgerliche Mehrheit im Bielefelder Rat Anfang des 20. Jahrhunderts den Mitgliedern der „Freien Turnerschaft Bielefeld“ aus politischen Gründen die Benutzung der städtischen Turnhallen untersagt hatte, beschlossen die „Arbeiterturner“ eigene Turnhallen zu bauen, in denen sie ungehindert ihrem Sport nachgehen konnten. Am 21. Juni 1911 gründeten sie zu diesem Zweck die Baugenossenschaft „Freie Scholle“. Das Ziel der Gründer war es zunächst, vier Turnhallen für die Bielefelder Arbeitersportvereine zu bauen. Bereits 1912 gelang es, trotz der wirtschaftlich schlechten Lage, für die Summe von 80.000 Mark die erste eigene Turnhalle zu errichten. Das Kapital hierfür brachte die Genossenschaft durch den Verkauf von Anteilen und symbolischen Bausteinen auf.

Nach einer Liberalisierung des Stadtrats im Jahr 1914 konnten die Bielefelder Arbeiterturner schließlich wieder die städtischen Turnhallen benutzen, so dass keine weitere Notwendigkeit zum Bau zusätzlicher genossenschaftlicher Hallen bestand. Aus diesem Grund setzte die Freie Scholle ihre finanziellen Mittel nun für den Bau von Arbeiterwohnungen ein. Am Niedermühlenhof begannen im Mai 1914 die Arbeiten für den Bau der ersten genossenschaftlichen Siedlung mit 138 Wohnungen. Die Ausstattung mit einem WC, elektrischer Beleuchtung, Gasanschluss und fließend Wasser in der Wohnküche setzte neue Maßstäbe im Arbeiterwohnungsbau.

Mit den Wohnsiedlungen „Heeper Fichten“ und „Im Siekerfelde“ entstanden zwischen 1924 und 1930 zudem zwei Siedlungen im Geiste der Lebensreformbewegung, die sich für eine naturgemäßere Lebensweise einsetzte. Infrastruktur und Bauweise der Siedlungen finden noch heute Beachtung. Das Bauen hatte zu dieser Zeit auch durchaus eine politische Komponente. Der bekannte Architekt Gustav Vogt verlieh den Gebäuden mit ihren Torbögen und einer Backsteinmauer nicht ohne Grund den Charakter einer Burg, hierdurch wollte er die Wehrhaftigkeit der Arbeiterschaft gegenüber dem Kapitalismus zum Ausdruck bringen. Die großzügig angelegten Innenhöfe stellten im damaligen Geschosswohnungsbau etwas Besonderes dar, konnten sich die Bewohner hier doch gut erholen.

Neben dem Bau von Wohnungen war es auch immer das Bestreben der „Freien Scholle“ Gemeinschaftseinrichtungen zur Steigerung der Wohnqualität zu schaffen. Die Siedlung „Heeper Fichten“ besaß beispielsweise ein Waschhaus mit Waschmaschinen, Trockenkulissen und Heißmangeln sowie einen Kinderhort und ein Jugendheim samt Bibliothek und Lesezimmer. Haushaltsgeräte waren zu dieser Zeit für die breite Masse noch ein kaum erschwingliches Luxusgut. Die Siedlungen entwickelten sich aber auch zu kulturellen Mittelpunkten ganzer Stadtteile. So war das Friedrich-Ebert-Haus der Siedlung rasch ein beliebter Treffpunkt der Arbeiterbewegung.

Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde auch die „Freie Scholle“ gleichgeschaltet. Für die Vergabe der Wohnungen war fortan die politische Gesinnung ein ausschlaggebendes Kriterium, da dem neuen nationalsozialistischen Vorstand die nachbarschaftliche Solidarität der Arbeiter ein Dorn im Auge war. Der Bau von sogenannten „Volkswohnungen“ wurde nach Ausbruch des Krieges 1939 schließlich komplett eingestellt. Die Bilanz des 2. Weltkrieges fällt für Bielefeld verheerend aus: Über 15.600 Wohnungen waren teilweise oder ganz zerstört worden. Bis 1954 trug die „Freie Scholle“ mit rund 1.000 neuen Wohnungen „Auf dem Langen Kampe“, an der Spindelstraße und „Im Siekerfelde“ zum Wiederaufbau der Stadt und zur Linderung der Wohnungsnot bei.

Im März 1968 konnte die „Freie Scholle“ schließlich die Fertigstellung ihrer 5.000 Wohnung feiern. In den folgenden Jahrzehnten widmete sich die Genossenschaft dann vor allem der Modernisierung des Bestands. Besonders die Nachfrage nach altersgerechten und familienfreundlichen Wohnungen stieg zusehends an, da die Mitglieder ein lebenslanges Wohnrecht genießen. Mit ihrem Konzept „Alt werden mit der freien Scholle“ legte die Genossenschaft als deutschlandweit erstes Unternehmen den Grundstein für eine unternehmenseigene Altenarbeit. Für ihr Konzept des Nachbarschaftszentrums an der Meinolfstraße zeichnete die Bertelsmann Stiftung und das Kuratorium Deutsche Altenhilfe die „Freie Scholle“ 2005 mit dem ersten Preis des „Werkstatt-Wettbewerbs Quartier“ aus.


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